WIE VIEL TERROR ERTRÄGT DAS WOHLBEFINDEN?

Mittlerweile gehört es zum deutschen Tagesgeschäft: gibt es wieder eine neue Terrorwarnung, oder gar einen vollzogenen Anschlag, so lautet die Antwort von Vertretern unserer Gesellschaft stets „wir lassen uns vom Terror unseren Lebensweg nicht beeinflussen!“ Immerhin stellt diese Aussage eine der seltenen Konstanten in unseren Zeiten dar.

Und zugleich ist sie bemerkenswert entlarvend, denn sie impliziert die eigentlich wesentliche Frage: wie viel Terror wollen wir ertragen? Als 2006 die FIFA WM in Deutschland ausgetragen wurde, blühte die öffentliche Feierkultur in Deutschland auf. Aus der ganzen Welt blickte man auf unser Land und erfreute sich an der ausgelassenen Freude am Fußball, an der frenetischen Unterstützung von Sympathieträgern vieler Mannschaften, und am unbeschwerten Feiern auf öffentlichen Plätzen. Fremde wurden zu Freunden, und der Gedanke an Terror war so weit weg, wie man es sich heute kaum noch vorzustellen vermag.

Heute, elf Jahre später, müssen Volksfeste mit massivem Polizeieinsatz gesichert werden. Einzelne traditionsreiche Veranstaltungen werden gar ganz abgesagt, weil der Veranstalter die notwendigen horrenden Sicherheitsauflagen nicht erfüllen kann. Hohe Gitter umzäunen friedliche Veranstaltungen und können doch kein Ersatz für eine sichere Gesellschaft sein. Selbst der diesjährige Kirchentag, der im Zeichen von Frieden, offenen Grenzen und selbstdefinierter Humanität stand, konnte nicht auf Zäune und eine an frühere Grenzkontrollen erinnernde Sicherheitsstruktur verzichten. Dem Besucher bot sich damit eine schizophren anmutende Situation, die an ihren Widersprüchen nur schwer zu überbieten war.

Ein kurzer Blick in den Rückspiegel

Wir blicken dem Terror als Gesellschaft nicht das erste Mal ins Auge. Als der Deutsche Herbst den grausamen Geruch des linksextremen Terrors in die deutschen Wohnzimmer blies, ließ die Reaktion des deutschen Rechtsstaates nicht lange auf sich warten. Mit aller Härte wurde die verantwortliche Gruppierung durch Politik und Sicherheitsbehörden jahrelang verfolgt und schlussendlich besiegt. Verglichen mit der heutigen Lage klingen die damaligen Unterstützerzahlen des Terrors geradezu harmlos. Kaum 80 Personen trugen den Terror in drei Wellen durch unser Land.

Heute, da wir uns dem islamistischen Terrorismus im eigenen Land gegenüber sehen, spricht das Bundesamt für Verfassungsschutz von etwa 10.000 extremistischen Islamisten, sowie 1.600 Personen mit islamistischem Terrorpotential. Tendenz stark wachsend.

Konditionierte Reaktionen für den geringsten Widerstand

Erstaunlich schnell haben große Bevölkerungsteile den Terror als Teil ihres Lebens akzeptiert. Wieder einmal ist ein Fahrzeug in eine Menschenmenge gerast, sind die Terroristen mit Messern auf die Jagd nach „Ungläubigen“ gegangen. Das Festivalgeländes von „Rock am Ring“ musste geräumt werden, zu groß war die Angst vor einer Katastrophe wie in Manchester vor wenigen Tagen. Trotzdem lösen diese Ereignisse höchstens oberflächliche Betroffenheit aus. Meist ist es nur ein kurzes Schulterzucken, das die Meinung widerspiegelt. Spätestens bei der Ursachensuche gerät auch der Interessierte an die unsichtbare Grenze des politisch Korrekten. „Mit dem Islam hat das nichts zu tun!“ ist der Standardsatz, der als dauerhaftes Echo durch unsere Gehörgänge schallt. Es erinnert an eine erfolgreiche Konditionierung, dass zuverlässig anschließend „die“ Flüchtlinge als vermeintlich homogene Gruppe argumentativ in die Diskussion mit eingeführt werden, obwohl die Frage doch eine ganz andere war. Genau hier ist dann auch die Stelle, an der sachliche Diskussionen ihren Abbruch finden. Reflexartig werden der kausalen Verknüpfung von Fakten von allen Seiten herbeigezogene Behauptungen und Nebenkriegsschauplätze in den Weg gestellt. Ende der Diskussion.

Der Eifer, mit dem dies geschieht, erinnert gefährlich an die Opportunisten der Vergangenheit. Heute haben wir über diese längst den Stab gebrochen, aber offensichtlich nur wenig gelernt. Der Mensch war in seiner Geschichte erfolgreich, weil er sich auf wandelnde Bedingungen einzustellen vermochte. Seit Beginn der Industrialisierung waren es vor allem die wechselnden politischen Bedingungen, die opportune Glücksritter zur Unterstützung fragwürdiger Ideologien bewegt hat.

Heute ist es der Terror, der unsere Gesellschaft bedroht. Widerstand zu leisten, und die erkämpfte Freiheit unserer Gesellschaft zu schützen, kostet Kraft und Zeit. Zwei Faktoren, die viele nicht mehr bereit sind aufzubringen. Anstelle dessen wird der opportune Weg des geringsten Widerstands beschritten: man stellt sich auf die veränderten Bedingungen ein und nimmt diese als unwiderruflich hin. Doch führt dies zum Verlust der Werte, die unsere freiheitliche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten ausgezeichnet hat.

Trotzdem wird genau dies durch die Opportunisten unserer Zeit passiv angestrebt. Und dabei erscheint es unwahrscheinlich, dass dies das eigentliche Ziel ist. Es ist vielmehr das fahrlässig in Kauf genommene Produkt aus geistiger Bequemlichkeit und Desinteresse. Aus dem Unwillen heraus, multidimensionale Sachdiskussionen mit der notwendigen Ernsthaftigkeit zu führen, resultiert der Eifer ebendiese zu unterdrücken.

Wie viele Tote ist dieser Opportunismus wert?

Zu Beginn des Wochenendes, unmittelbar vor der Fortführung des Terrors am Pfingstwochenende, erreichte mich dann dieser Text auf Facebook:

„Du scheinst in ständiger Angst zu leben? Ich fahre jeden Tag ins Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, da gibt es keine Sicherheitschecks am Tor und trotzdem halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass sich jemand dort in die Luft sprengt oder ich auf dem Weihnachtsmarkt vom LKW überfahren werde oder auf nem Konzert was passiert.“

Nun wissen wir alle: Facebook vergisst nie. Hier brauchte es aber auch kein langes Gedächtnis, bis die Aussage von der Realität eingeholt wurde und dann doch „auf nem Konzert was passiert(e)“. Gerade mal einen Tag hielt anschließend die Atempause an, bis mutmaßlich islamistische Terroristen in London ihr Fahrzeug in eine Menschenmenge lenkten, nur um die Überlebenden anschließend mit Messern zu jagen und abzuschlachten. Schöne neue Welt!

Nun stellt sie sich also wieder, die bereits eingangs formulierte Frage: wie viel Terror erträgt das Wohlbefinden? Man sollte sie nun an dieser Stelle aber noch um zwei Fragen ergänzen: Wie nah müssen islamistische Anschläge und Einschränkungen des öffentlichen Lebens den Opportunisten auf den Leib rücken, bis es in dieser Haltung unbequem wird? Und werden wir an diesem Punkt überhaupt noch in der Lage sein, die wehrhafte Demokratie zur Verteidigung unserer Freiheit zu nutzen?

(JW)

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