Journalismus und Ideologie

Schnitte, Suggestion und gelenkte Aufmerksamkeit: „Fakenews“ sind mehr als nur Lügen. Haben Sie vom derzeit tobenden tödlichen Monsun in Südostasien gehört? Nein? Sollten Sie aber! Schätzungen zufolge sind seit Einsetzen der massiven Niederschläge im August etwa 1.500 Menschen ums Leben gekommen – und die Regenfälle sind noch lange nicht vorbei. Doch die deutschen Nachrichtenseiten sind nicht etwa im Urlaubsmodus, sie berichten fleißig. Unentwegt werden wir über die aktuellen Zustände in den USA unterrichtet, wo aktuellen Meldungen zufolge mindestens 38 Menschen direkt oder indirekt durch die Flut ums Leben gekommen sind. Es ist auch nicht so, dass deutschsprachige Medien die Flut in Asien vollständig unterdrücken würden. Jedoch sind die Artikel eher über Suchmaschinen oder die Schlagwortsuche der einzelnen Nachrichtenseiten zu finden.

Was Sie hier als reales und tagesaktuelles Beispiel lesen, sind „Fakenews“. Allerdings sind es nicht Lügen, Verschwörungstheorien und Schlammschlachten, die unsere Meinungsfreiheit heute bedrohen. Diese primitiven Auswüchse sind oft leicht zu erkennen und damit auch leicht zu bekämpfen. Es sind die unterschwelligen Varianten der „Fakenews“, denen sich unsere Gesellschaft tagtäglich gegenübersieht. Die Erste haben Sie in der Einleitung schon gelesen, doch auch zwei weitere Formen treten sowohl in sozialen Medien als auch dem etablierten Journalismus zunehmend auf; umso ausgeprägter, je ideologischer die Autoren der Beiträge agieren.

Gelenkte Aufmerksamkeit

Eintausendfünfhundert Tote stehen achtunddreißig Toten gegenüber. Gemäß dieser Aufrechnung sollte die Flut in Asien eine mediale Aufmerksamkeit ungeahnten Ausmaßes erfahren. Dass dies nicht so ist, ist beim Blick auf nahezu beliebige Nachrichtenseiten klar. Anders sieht dies naturgemäß auf den Seiten der Nachrichtenmagazine betroffener Länder aus, bei denen wiederum die Flut in den USA höchstens ein Randvermerk ist. Nun liegt es bei kritischer Überlegung fern, dass deutsche Medien gezielt die Berichterstattung über Indien vermeiden wollen. Offenbar sind die Redaktionen zum Schluss gekommen, dass die USA ein relevanteres Nachrichtenfeld sind, wobei die Zahl der Toten eher nachrangig zur Beurteilung zu sein scheint.

Ein sehr ähnliches Phänomen spielt sich leidenschaftlich in sozialen Medien ab, wo Ende 2016 unter dem Hashtag #ichbinhier eine Gruppe selbsternannter linker Aktivisten „Hatespeech“ begegnen wollte. Derzeit folgen weit über 30.000 Menschen dieser Gruppe und beteiligen sich lose an den Handlungen. Täglich werden als vermeintliche „Hatespeech“ interpretierte Beiträge und Kommentare auf Facebook gezielt zum Abschuss freigegeben und fortan durch die Unterstützer mit dem Kommentar „#ichbinhier“ geflutet und gegenseitig ge“liked“. Im Ergebnis verlieren die als „Hatespeech“ interpretierten Kommentare massiv an Relevanz und sind faktisch nicht mehr auffindbar.

Hätten Sie nun gemerkt, dass auf Nachrichtenportalen und in den sozialen Medien Nachrichten faktisch fehlen? Dass es zeitgleich auf der Welt deutlich massivere Flutereignisse gibt? Vermutlich nicht – wie auch, Sie lesen, hören und sehen die Nachrichten ja schließlich mit dem Ziel, sich umfassend zu informieren. Was man Ihnen nicht mitteilt, können Sie nicht wissen. Im Ergebnis ist es aber identisch, ob nun die Berichterstattung über eine Flut, eine politische Meinung, oder vielleicht über die Gewalt bestimmter Personenkreise fehlt.

Mit der gelenkten Aufmerksamkeit besteht eine elegante Möglichkeit der selektiven Information – ganz ohne die Handlungen, mit denen „Fakenews“ zuerst in Verbindung gebracht werden.

Schnitte

„Das habe ich so nie gesagt, das ist völlig aus dem Zusammenhang gerissen!“ Wer sich so anfangen muss zu verteidigen, der war in der ersten Runde nur zweiter Sieger. Jüngstes Opfer: Imad Karim, dem der Satz vorgeworfen wird, der Islam hätte in Deutschland nichts verloren. Dass er sich auf den politischen Islam und die Einführung der islamischen Rechtsprechung bezog, erwähnte er leider im nächsten Satz – der aus dem Beitrag rausgeschnitten wurde.

Nun ist es natürlich nicht sinnvoll, alle Aussagen von Gesprächspartnern vollumfänglich wiederzugeben. Abschweifende Diskussionen sind weder dem Lesefluss förderlich, noch passen sie in das eng gefasste Programm von Radio und Fernsehen. Doch wenn Aussagen sinnentstellt werden, ist der Rubikon überschritten.

Einmal begegnete mir in einem Vortrag ein Zitat, verbunden mit der Frage von wem dies wohl stammen könnte: „Ich will den Frieden – und ich werde alles daransetzen, um den Frieden zu schließen. Noch ist es nicht zu spät. Dabei werde ich bis an die Grenzen des Möglichen gehen, soweit es die Opfer und Würde der deutschen Nation zulassen.“ Diese Aussage stammt von Adolf Hitler, perverserweise nach dem zuvor erfolgten Angriff auf Frankreich. Auch hier ist der Kontext essentiell um die Aussage richtig zu erfassen. Niemand, und der Raum saß damals voller der Hochbegabung verdächtiger Studenten unterschiedlichster Studienrichtungen, hat seinerzeit aus dem Kontext des Vortrags heraus das Zitat so einordnen können, wie es notwendigerweise hätte geschehen müssen.

Die Methodik des gezielten Beschneidens von Aussagen ist bei weitem nicht neu. Und so lehren auch Rhetoriktrainer ihren Schülern, bei wichtigen Interviews die zwingend im Zusammenhang stehenden Teilaspekte keinesfalls in zwei einzelne Sätze zu verpacken. Zu verlockend kann es dann für den Führenden des Interviews sein, am Satzende zu schneiden und „Fakenews“ im eigenen Interesse zu produzieren. Stattdessen entstehen daraus die uns hin und wieder in heiklen Interviews begegnenden Schachtelsätze, die zwar klare Sprache vermissen lassen, aber letztlich nur ein Schutzversuch der Interviewten sind.

Suggestion

Die deutsche Sprache, Sprache toter Dichter und Denker. Sie bietet zahllose Möglichkeiten, sich stilistisch auszutoben und jenseits der geschriebenen und gesprochenen Worte Gefühle und Eindrücke zu transportieren.

Doch, Moment? Ist es nur die deutsche Sprache, die zur sprachlich gewandeten Rede taugt? Sicher sind auch nicht alle Dichter und Denker dieses Landes bereits verstorben. Und trotzdem ist es ein leichtes, einen an sich korrekten Satz so zu variieren, dass sich seine intendierte Bedeutung ändert. Suggestive Äußerungen, in Videobeiträgen gerne durch den anonymen Sprecher aus dem Off, sind die hinterhältigste Ausprägung unterschwelliger „Fakenews“. Mit Feingefühl lassen sich nachprüfbare und an sich eindeutige Fakten in unterschiedlichsten Kolorierungen präsentieren. Der Eindruck, der damit beim Leser entsteht, kann sich je nach Sichtweise hier vollständig ins Gegenteil verkehren.

Auch die Nivellierung und damit Gleichstellung von Begriffen zählt Hierzu 

Gerade bei der Einordnung von Äußerungen in das politische Spektrum tun sich hier Abgründe auf. In hoher Regelmäßigkeit werden die Begriffe „rechts“, „rechtsradikal“ und „rechtsextrem“ innerhalb eines Beitrags revolverartig als wechselnde Adjektive für die gleiche Handlung oder Person genutzt. Der Rechtsextremismus wird hiermit sprachlich unmittelbar mit einer sicher diskutablen politischen Haltung rechts der „Mitte“ gleichgesetzt.

Interessanterweise fällt es schwer, analoge Beispiele aus redaktionellen Beiträgen der deutschen Medienlandschaft zu finden, in denen die Begriffe „links“, „linksradikal“ und „linksextrem“ miteinander vermischt werden. Dies hat seinen primären Grund schon darin, dass anstelle von Linksextremisten vielmehr von „Linksaktivisten“ oder „Autonomen“ gesprochen wird. Klingt ja auch viel harmloser – und nicht nach „Fakenews“.

Die Bedrohung durch „Fakenews“, sie ist real. Sie bedroht unmittelbar unsere Meinungsfreiheit und begegnet uns täglich. Dagegen hilft nur der wache Geist, um mögliche “Fakenews” zu erkennen und Informationen zu prüfen.

Genießen Sie Ihre morgigen Nachrichten und freuen Sie sich über eine gute Berichterstattung – vielleicht ja sogar zum Monsun in Asien.

(JW)

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