Wer trägt Verantwortung – und wer nicht?

Wir Deutsche sind für vieles verantwortlich: Für den Ersten Weltkrieg, für den Zweiten Weltkrieg, vor allem für den Holocaust und viel früher schon für die Niederschlagung des Herero-Aufstandes. Wir sind verantwortlich für Millionen von Kriegstoten, KZ-Opfern und letztendlich auch für zerbombte Städte, für die Vertreibung von Millionen des eigenen Volkes und viel Unglück auf dieser Welt.

Das soll gar nicht hinterfragt werden, denn es ist gesellschaftlicher Konsens, dass wir Verantwortung tragen für das Handeln unserer Eltern, Groß- und Urgroßeltern, auch dann, wenn diese nachweislich keine Täter oder gar Widerständler waren. Wir tragen keine Schuld, aber Verantwortung für die Aufarbeitung dieser Schuld.
Wir und unsere Väter und Mütter trugen und tragen aber auch Verantwortung für den Wiederaufbau des eigenen Landes, – soweit möglich – für „Wiedergutmachung“ bei ehemaligen Kriegsgegnern, Zwangsarbeitern und Verfolgten.
Ich stelle mich dieser Verantwortung gerne, auch wenn meine Eltern definitiv mehr Opfer als Täter waren, mein Großvater 1938 wegen “Führerbeleidigung“ ins Gefängnis kam und schon 1918 in der letzten Kriegswoche den rechten Arm verlor – und meine beiderseitigen Großeltern aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Nicht Täter sein entschuldigt nichts und selbst, wenn man im Widerstand war, war dieser offensichtlich nicht groß genug.

Ein Volk verantwortet eben auch dann seine(n) Führer, wenn diese Diktatoren sind. Das ist eigentlich unstrittig und ich werde mich auch immer von den Höckes dieser Welt distanzieren, die das offensichtlich anders sehen.

Ich frage mich aber, ob man derartige Verantwortung auch bei anderen einfordern darf, oder ob sie nur für Deutsche gilt – was merkwürdig wäre? Sind beispielsweise alle aktuellen „Flüchtlinge“ aus dem Nahen und Mittleren Osten per se nicht verantwortlich für die Zustände in ihrem Land? Ist niemand vor Ort verantwortlich für die Entstehung des IS und seine grausamen Taten? Ist in Afrika niemand vor Ort verantwortlich für Failed States, Korruption und Religionskriege?

Und wer fühlt sich für den Wiederaufbau ehemaliger Kriegsregionen zuständig? Es ist schon hinterfragenswert, wenn deutsche Soldaten demokratische Werte am Hindukusch verteidigen, während zur gleichen viele junge Afghanen in Deutschland Asyl beantragen und zumindest nicht sichtbar irgendetwas für die Änderung der Verhältnisse in ihrer Heimat tun.

Deutsche Heimatvertrieben waren in der öffentlichen und internationalen Wahrnehmung immer Opfer und Täter. Auch wenn der Vergleich drastisch hinkt – denn die Deutschen konnten sich weder das Ziel ihrer Flucht aussuchen, noch konnten sie jemals wieder zurückkehren, scheinen die aktuellen Flüchtlinge hingegen nur Opfer zu sein und keine Verantwortung für sich und ihre Heimat übernehmen zu wollen.

Natürlich gibt es Interessen Dritter, die die Konflikte vor Ort befeuern. In Syrien zählen dazu sicher das türkische Regime, die iranisch-gesteuerte Hamas, Russland und wahrscheinlich auch die USA. Dennoch können nicht alle Syrer unschuldig an den aktuellen Verhältnissen sein. Konflikte zwischen Sunniten, Schiiten, Jesiden, Alawiten, Kurden, Christen und Juden sind seit langem in der Region existent. Die Gründe dafür sind vielschichtig, liegen aber im Wesentlichen in mangelnder Toleranz sowie archaischen Clan- und Ehrstrukturen.

Wollen oder können die Flüchtlinge keine Verantwortung für sich und ihre Heimat übernehmen oder lässt man sie nur nicht? Und wenn Letzteres der Fall sein sollte: warum und wer ist „man“? Oder – anders gefragt: Warum fordert niemand diese Verantwortung ein?

Bernd Samland

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